Das Buch der Bilder ( 1902 und 1906)

Des zweiten Buches erster Teil


Initiale | Vekündigung | Die heiligen drei Könige | In der Certosa | Das jüngste Gericht | Karl der Zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine

Der Sohn | Die Zaren | Der Sänger singt vor dem Fürstenkind | Die aus dem Hause Colonna

Des zweiten Buches erster Teil
Initiale

Gieb deine Schönheit immer hin ohne Rechnen und Reden.

Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin. Und kommt in tausendfachem Sinn, kommt endlich über jeden.
 
Verkündigung

Die Worte des Engels


Du bist nicht näher an Gott als wir; wir sind ihm alle weit.

Aber wunderbar sind dir die Hände benedeit.

So reifen sie bei keiner Frau, so schimmernd aus dem Saum:

ich bin der Tag, ich bin der Tau, du aber bist der Baum.

Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit, vergieb mir,

ich vergaß, was Er, der groß in Goldgeschmeid wie in der Sonne saß,

dir künden ließ, du Sinnende, (verwirrt hat mich der Raum).

Sieh: ich bin das Beginnende, du aber bist der Baum.

Ich spannte meine Schwingen aus und wurde seltsam weit;

jetzt überfließt dein kleines Haus von meinem großen Kleid.

Und dennoch bist du so allein wie nie und schaust mich kaum; das macht:

ich bin ein Hauch im Hain, du aber bist der Baum.

Die Engel alle bangen so, lassen einander los: noch nie war das Verlangen so, so ungewiß und groß.

Vielleicht, daß Etwas bald geschieht, das du im Traum begreifst.

Gegrüßt sei, meine Seele sieht: du bist bereit und reifst.

Du bist ein großes, hohes Tor, und aufgehn wirst du bald.

Du, meines Liedes liebstes Ohr, jetzt fühle ich: mein Wort verlor sich in dir wie im Wald.

So kam ich und vollendete dir tausendeinen Traum.

Gott sah mich an; er blendete...

Du aber bist der Baum.
 
Die heiligen drei Könige

Legende


Einst als am Saum der Wüsten sich auftat die Hand des Herrn wie eine Frucht, die sommerlich verkündet ihren Kern,

da war ein Wunder: Fern erkannten und begrüßten sich drei Könige und ein Stern.


Drei Könige von Unterwegs und der Stern Überall, die zogen alle (überlegs!)

so rechts ein Rex und links ein Rex zu einem stillen Stall.


Was brachten die nicht alles mit zum Stall von Bethlehem!

Weithin erklirrte jeder Schritt, und der auf einem Rappen ritt, saß samten und bequem.

Und der zu seiner Rechten ging, der war ein goldner Mann,

und der zu seiner Linken fing mit Schwung und Schwing und Klang und Kling aus einem runden Silberding,

das wiegend und in Ringen hing, ganz blau zu rauchen an.

Da lachte der Stern Überall so seltsam über sie, und lief voraus und stand am Stall und sagte zu Marie:


Da bring ich eine Wanderschaft aus vieler Fremde her.

Drei Könige mit magenkraft*, von Gold und Topas schwer und dunkel, tumb und heidenhaft, -

erschrick mir nicht zu sehr.

Sie haben alle drei zuhaus zwölf Töchter, keinen Sohn,

 so bitten sie sich deinen aus als Sonne ihres Himmelblaus und Trost für ihren Thron.

Doch mußt du nicht gleich glauben: bloß ein Funkelfürst und Heidenscheich sei deines Sohnes Los.

Bedenk, der Weg ist groß. Sie wandern lange, Hirten gleich, inzwischen fällt ihr reifes Reich weiß Gott wem in den Schooß.

Und während hier, wie Westwind warm, der Ochs ihr Ohr umschnaubt, sind sie vielleicht schon alle arm und so wie ohne Haupt.

Drum mach mit deinem Lächeln licht die Wirrnis, die sie sind, und wende du dein Angesicht nach Aufgang und dein Kind;

dort liegt in blauen Linien, was jeder dir verließ: Smaragda und Rubinien und die Tale von Türkis.


 *mittelhochdeutsch: «Macht» (RMR)
 
In der Certosa

Ein jeder aus der weißen Bruderschaft vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.

Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.

Und Einer harrt in heimlichen Hoffahrten, daß ihm im Mai die ungestümen Blüten offenbarten ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.


Und seine Hände halten, wie erschlafft, sein braunes Haupt,

das schwer ist von den Säften, die ungeduldig durch das Dunkel rollen,

und sein Gewand, das faltig, voll und wollen, zu seinen Füßen fließt,

ist stramm gestrafft um seinen Armen, die, gleich starken Schäften, die Hände tragen, welche träumen sollen.


Kein Miserere und kein Kyrie will seine junge, runde Stimme ziehn, vor keinem Fluche will sie fliehn:

sie ist kein Reh. Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,

und über Hürde, Hang und Hindernis will sie ihn tragen,

weit und weggewiß, ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.

Er aber sitzt, und unter den Gedanken zerbrechen fast die breiten Handgelenke,

so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.


Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer, ein Wind beginnt,

die Wege werden leerer, und Schatten sammeln sich im Talgesenke.

Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,

so wird der Garten ungewiß und hangt wie windgewiegt auf lauter Dämmerung. Wer löst ihn los?...



Der Frate ist so jung, und langelang ist seine Mutter tot.

Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca sie war ein Glas, ganz zart und klar.

Man bot es einem, der es nach dem Trunk zerschlug wie einen Krug.



So ist der Vater. Und er hat sein Brot als Meister in den roten Marmorbrüchen.

Und jede Wöchnerin in Pietrabianca hat Furcht,

daß er des Nachts mit seinen Flüchen vorbei an ihrem Fenster kommt und droht.

Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa geweiht in einer Stunde wilder Not,

sinnt im Arkadenhofe der Certosa, sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen: denn seine Blumen blühen alle rot.
 
Das jüngste Gericht

Aus den Blättern eines Mönches


Sie werden Alle wie aus einem Bade aus ihren mürben Grüften auferstehn;

denn alle glauben an das Wiedersehn, und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.


Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen, daß die Posaune deiner Reiche rief;

und ihrem Ton ist keine Tiefe tief: da steigen alle Zeiten aus den Steinen,

und alle die Verschollenen erscheinen in welken Leinen, brüchigen Gebeinen und von der Schwere ihrer Schollen schief.

Das wird ein wunderliches Wiederkehren in eine wunderliche Heimat sein;

auch die dich niemals kannten, werden schrein und deine Größe wie ein Recht begehren: wie Brot und Wein.


Allschauender, du kennst das wilde Bild, das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.

Durch dich kommt Alles, denn du bist das Tor, - und Alles war in deinem Angesichte, eh es in unserm sich verlor.

Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:


Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte, das deine reife Liebe nie erschuf,

ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf, ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,

ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.

Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen in allen den geborstenen Gebäuden,

ein Sichentgelten und ein Sichvergeuden, ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,

und ein Betasten aller alten Freuden und aller Lüste welke Wiederkehr. Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,

ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen, in irren Zügen hin und her.


So ringen sie, die lange Ausgeruhten, und packen sich mit ihren nackten Zähnen und werden bange,

weil sie nicht mehr bluten und suchen, wo die Augenbecher gähnen, mit kalten Fingern nach den toten Tränen.

Und werden müde. Wenige Minuten nach ihrem Morgen bricht ihr Abend ein.

Sie werden ernst und lassen sich allein und sind bereit, im Sturme aufzusteigen,

wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen, um deinem Urteil nah zu sein.

Und da beginnt es, nach dem großen Schrein: das übergroße fürchterliche Schweigen.


Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren, mit vielen grellen Flecken übersät.

Und wachsend wird der Abend alt und spät.

Und Nächte fallen dann in großen Stücken auf ihre Hände und auf ihren Rücken, der wankend sich mit schwarzer Last belädt.

Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken unter dem Drucke wie ein dunkles Meer,

sie sitzen, wie versunken in Gedanken, und sind doch leer.

Was stützen sie die Stirnen? Ihre Gehirne denken irgendwo tief in der Erde, eingefallen, faltig:

Die ganze alte Erde denkt gewaltig, und ihre großen Bäume rauschen so.


Allschauender, gedenkst du dieses bleichen Und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen unter den Bildern deines Willens hat?

Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt, die, an dir hangend wie ein welkes Blatt, sich heben will zu deines Zornes Zeichen?

O, greife allen Tagen in die Speichen, daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen,

 - vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen dem großen Schweigen, das wir beide sahen.

Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben, der diesem fürchterlichen Wiederleben den Sinn,

die Sehnsucht und die Seele nimmt, einen, der bis in seinen Grund ergrimmt und dennoch froh, durch alle Dinge schwimmt,

der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,

der sich auf allen Saiten geigt und unversehrt als unerkannter Taucher in alle Tode niedersteigt.

..... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,

der länger ist als aller Tage Längen, mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,

wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen, mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen?

Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen und dir mit hunderttausend Augen klagen,

und ihres sanften Liedes Stimmen wagen sich aus den vielen wirren Übergängen nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.

Und wenn die Greise mit den breiten Bärten, die dich berieten bei den besten Siegen,

nur leise ihre weißen Häupter wiegen, und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten,

und die von ihm Verführten, die Gefährten, und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:

die lichten Birken deiner dunklen Gärten, - wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?


Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen, welche sitzen um deinen Thron.

Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz?

Sagte dein einsamer Schmerz dann: Sohn! Suchtest du dann das Angesicht dessen,

der das Gericht gerufen, dein Gericht und deinen Thron: Sohn!

Hießest du, Vater, dann deinen Erben, leise begleitet von Magdalenen, niedersteigen zu jenen, die sich sehnen, wieder zu sterben?


Das wäre dein letzter Königserlaß, die letzte Huld und der letzte Haß.

Aber dann käme Alles zu Ruh: der Himmel und das Gericht und du.

Alle Gewänder des Rätsels der Welt, das sich so lange verschleiert hält, fallen mit dieser Spange. ....

Doch mir ist bange....


Allschauender, sieh, wie mir bange ist, miß meine Qual!

Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist.

Als du zum erstenmal in deinem Alleserfassen das Bild dieses blassen Gerichtes sahst, dem du dich hülflos nahst, Allschauender.

Bist du damals entflohn? Wohin?

Vertrauender kann keiner dir kommen als ich, der ich dich nicht um Lohn verraten will wie alle die Frommen.

Ich will nur, weil ich verborgen bin und müde wie du, noch müder vielleicht,

und weil meine Angst vor dem großen Gericht deiner gleicht, will ich mich dicht, Gesicht bei Gesicht, an dich heften;

mit einigen Kräften werden wir wehren dem großen Rade,

über welches die mächtigen Wasser gehn, die rauschen und schnauben

- denn: wehe, sie werden auferstehn. So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.
 
Karl der Zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine

Könige in Legenden sind wie Berge im Abend. Blenden jeden, zu dem sie sich wenden.

Die Gurte! um ihre Lenden und die lastenden Mantelenden sind Länder und Leben wert.

Mit den reichgekleideten Händen geht, schlank und nackt, das Schwert. *


Ein junger König aus Norden war in der Ukraine geschlagen.

Der haßte Frühling und Frauenhaar und die Harfen und was sie sagen.

Der ritt auf einem grauen Pferd, sein Auge schaute grau und hatte niemals Glanz begehrt zu Füßen einer Frau.

Keine war seinem Blicke blond, keine hat küssen ihn gekonnt;

und wenn er zornig war, so riß er einen Perlenmond aus wunderschönem Haar.

Und wenn ihn Trauer überkam, so machte er ein Mädchen zahm und forschte, wessen Ring sie nahm und wem sie ihren bot

- und: hetzte ihr den Bräutigam mit hundert Hunden tot.


Und er verließ sein graues Land, das ohne Stimme war,

und ritt in einen Widerstand und kämpfte um Gefahr, bis ihn das Wunder überwand:

wie träumend ging ihm seine Hand von Eisenband zu Eisenband und war kein Schwert darin;

er war zum Schauen aufgewacht: es schmeichelte die schöne Schlacht um seinen Eigensinn.

Er saß zu Pferde: ihm entging keine Gebärde rings.

Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring, und Stimme war in jedem Ding, und wie in vielen Glocken hing die Seele jedes Dings.

Und auch der Wind war anders groß, der in die Fahnen sprang,

schlank wie ein Panther, atemlos und taumelnd vom Trompetenstoß, der lachend mit ihm rang.

Und manchmal griff der Wind hinab: da ging ein Blutender,

- ein Knab, welcher die Trommel schlug; er trug sie immer auf und ab und trug sie wie sein Herz ins Grab vor seinem toten Zug.

Da wurde mancher Berg geballt, als war die Erde noch nicht alt und baute sich erst auf;

bald stand das Eisen wie Basalt, bald schwankte wie ein Abendwald mit breiter steigender Gestalt der großbewegte Hauf.

Es dampfte dumpf die Dunkelheit, was dunkelte war nicht die Zeit,

- und alles wurde grau, aber schon fiel ein neues Scheit, und wieder ward die Flamme breit und festlich angefacht.

Sie griffen an: in fremder Tracht ein Schwarm phantastischer Provinzen;

wie alles Eisen plötzlich lacht: von einem silberlichten Prinzen erschimmerte die Abendschlacht.

Die Fahnen flatterten wie Freuden, und Alle hatten königlich in ihren Gesten ein Vergeuden,

- an fernen flammenden Gebäuden entzündeten die Sterne sich...


Und Nacht war.

Und die Schlacht trat sachte zurück wie ein sehr müdes Meer, das viele fremde Tote brachte, und alle Toten waren schwer.

Vorsichtig ging das graue Pferd (von großen Fäusten abgewehrt) durch Männer, welche fremd verstarben,

und trat auf flaches, schwarzes Gras.

Der auf dem grauen Pferde saß, sah unten auf den feuchten Farben viel Silber wie zerschelltes Glas.

Sah Eisen welken, Helme trinken und Schwerter stehn in Panzernaht,

sterbende Hände sah er winken mit einem Fetzen von Brokat...

Und sah es nicht.


Und ritt dem Lärme der Feldschlacht nach, als ob er schwärme, mit seinen Wangen voller Wärme und mit den Augen von Verliebten...
 
Der Sohn

Mein Vater war ein verbannter König von überm Meer.

Ihm kam einmal ein Gesandter: sein Mantel war ein Panther, und sein Schwert war schwer.


Mein Vater war wie immer ohne Helm und Hermelin; es dunkelte das Zimmer wie immer arm um ihn.

Es zitterten seine Hände und waren blaß und leer, - in bilderlose Wände blicklos schaute er.


Die Mutter ging im Garten und wandelte weiß im Grün, und wollte den Wind erwarten vor dem Abendglühn.

Ich träumte, sie würde mich rufen, aber sie ging allein,

 - ließ mich vom Rande der Stufen horchen verhallenden Hufen und ins Haus hinein:


Vater! Der fremde Gesandte...? Der reitet wieder im Wind... Was wollte der?

Er erkannte dein blondes Haar, mein Kind. Vater! Wie war er gekleidet!

Wie der Mantel von ihm floß! Geschmiedet und geschmeidet war Schulter, Brust und Roß.

Er war eine Stimme im Stahle, er war ein Mann aus Nacht, - aber er hat eine schmale Krone mitgebracht.

Sie klang bei jedem Schritte an sein sehr schweres Schwert, die Perle in ihrer Mitte ist viele Leben wert.

Vom zornigen Ergreifen verbogen ist der Reifen, der oft gefallen war:

es ist eine Kinderkrone, - denn Könige sind ohne; - gieb sie meinem Haar!

Ich will sie manchmal tragen in Nächten, blaß vor Scham.

Und will dir, Vater, sagen, woher der Gesandte kam.

Was dort die Dinge gelten, ob steinern steht die Stadt, oder ob man in Zelten mich erwartet hat.


Mein Vater war ein Gekränkter und kannte nur wenig Ruh.

Er hörte mir mit verhängter Stirne nächtelang zu. Mir lag im Haar der Ring.

Und ich sprach ganz nahe und sachte, daß die Mutter nicht erwachte,

- die an dasselbe dachte, wenn sie, ganz weiß gelassen, vor abendlichen Massen durch dunkle Garten ging.

*

... So wurden wir verträumte Geiger,

die leise aus den Türen treten, um auszuschauen, eh sie beten, ob nicht ein Nachbar sie belauscht.

Die erst, wenn alle sich zerstreuten, hinter dem letzten Abendläuten,

die Lieder spielen, hinter denen (wie Wald im Wind hinter Fontänen) der dunkle Geigenkasten rauscht.

Denn dann nur sind die Stimmen gut, wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,

wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut;

und bang und sinnlos sind die Zeiten, wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht.


Geduld: es kreist der leise Zeiger, und was verheißen ward, wird sein:

Wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger,

wir sind die Wiesen vor dem Hain; in ihnen geht noch dunkles Summen

- (viel Stimmen sind und doch kein Chor) und sie bereiten auf die stummen tiefen heiligen Haine vor...
 
Die Zaren

Ein Gedicht-Kreis (1899 und 1906)

I

Das war in Tagen, da die Berge kamen: die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen,

und rauschend in die Rüstung stieg der Strom.

Zwei fremde Pilger riefen einen Namen, und aufgewacht aus seinem langen Lahmen war Ilija, der Riese von Murom.


Die alten Eltern brachen in den Äckern an Steinen ab und an dem wilden Wuchs;

da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckern und zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs.

Er hob die Stämme, die wie Streiter standen, und lachte ihres wankenden Gewichts,

und aufgestört wie schwarze Schlangen wanden die Wurzeln,

welche nur das Dunkel kannten, sich in dem breiten Griff des Lichts.


Es stärkte sich im frühen Tau die Mähre, in deren Adern Kraft und Adel schlief; sie reifte unter ihres Reiters Schwere,

ihr Wiehern war wie eine Stimme tief, - und beide fühlten, wie das Ungefähre sie mit verheißenden Gefahren rief.

Und reiten, reiten... vielleicht tausend Jahre.

Wer zählt die Zeit, wenn einmal Einer will. (Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.)

Das Wirkliche ist wie das Wunderbare: es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen;

Jahrtausende sind ihm zu jung.

Weit schreiten werden, welche lange saßen in ihrer tiefen Dämmerung.

II

Noch drohen große Vögel allenthalben, und Drachen glühn und hüten überall der Wälder Wunder und der Schluchten Fall;

und Knaben wachsen an, und Männer salben sich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,


die oben in den Kronen von neun Eichen sich lagert wie ein tausendfaches Tier,

Und abends geht ein Schreien ohnegleichen, ein schreiendes Bis-an-das-Ende-Reichen, und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;


die Frühlingsnacht, die schrecklicher als alles und schwerer war und banger zu bestehn:

ringsum kein Zeichen eines Überfalles und dennoch alles voller Übergehn,

hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend, ja jenes Etwas, welches um sich griff;

anrufend noch, am ganzen Leibe bebend und darin untergehend wie ein Schiff.


Das waren Überstarke, die da blieben, von diesem Riesigen nicht aufgerieben,

das aus den Kehlen wie aus Kratern brach; sie dauerten,

und alternd nach und nach begriffen sie die Bangnis der Aprile,

und ihre ruhigen Hände hielten viele und führten sie durch Furcht und Ungemach zu Tagen,

da sie froher und gesünder die Mauern bauten um die Städtegründer, die über allem gut und kundig saßen.


Und schließlich kamen auf den ersten Straßen aus Höhlen und verhaßten Hinterhalten die Tiere, die für unerbittlich galten.

Sie stiegen still aus ihren Übermaßen (beschämte und veraltete Gewalten) und legten sich gehorsam vor die Alten.

III

Seine Diener füttern mit mehr und mehr ein Rudel von jenen wilden Gerüchten, die auch noch Er sind, alles noch Er.

Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.

Und seine Frauen flüstern und stiften Bünde.

Und er hört sie ganz innen in ihren Gemächern mit Dienerinnen, die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.

Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern, Mörder ducken unter den Dächern und spielen Mönche mit viel Geschick.

Und er hat nichts als einen Blick dann und wann;

als den leisen Schritt auf den Treppen die kreisen; nichts als das Eisen an seinem Stock.


Nichts als den dürftigen Büßerrock (durch den die Kälte aus den Fliesen an ihm hinaufkriecht wie mit Krallen) nichts,

was er zu rufen wagt, nichts als die Angst vor allen diesen,

nichts als die tägliche Angst vor Allen, die ihn jagt durch diese gejagten Gesichter,

an dunklen ungefragten vielleicht schuldigen Händen entlang.


Manchmal packt er Einen im Gang grade noch an des Mantels Falten, und er zerrt ihn zornig her;

aber im Fenster weiß er nicht mehr: wer ist Haltender? Wer ist gehalten? Wer bin ich und wer ist der?

IV

Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.

Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied, träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht,

und leise zittert sein beschämter Scheitel und seine Hand,

die vor den Purpurlehnen mit einem unbestimmten Sehnen ins wirre Ungewisse flieht.

Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren in blanken Panzern und in Pantherfellen,

wie viele fremde fürstliche Gefahren, die ihn mit stummer Ungeduld umstellen. Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.


Und sie gedenken eines andern Zaren, der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren, ihnen die Stirnen an die Steine stieß.

Und denken also weiter: jener ließ nicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß, auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.


Er war der Dinge dunkles Maß, und die Bojaren wußten lang nicht mehr,

daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwer lag sein Gewand und wurde golden breit.


Und weiter denken sie: das Kaiserkleid schläft auf den Schultern dieses Knaben ein.

Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken, sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn,

wie weiße Kinder, knien um seinen Nacken, und die Rubine an den Ärmelzacken,

die einst Pokale waren, klar von Wein, sind schwarz wie Schlacken -

Und ihr Denken schwillt.

Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser, auf dessen Haupt die Krone immer leiser und dem der Wille immer fremder wird;

er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser, ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser. - und eine Klinge hat im Traum geklirrt.

V

Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben, die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;

er wird die feierlichen Reiche erben, an denen seine sanfte Seele krankt.


Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster, sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter, in seine endlich fertige Nacht gewebt;

so wie es ist im ersten Frühlingswirken, wenn in den Gassen der Geruch aus Birken von lauter Morgenglocken bebt.


Die großen Glocken, die so herrisch lauten, sind seine Väter, jene ersten Zaren,

die sich noch vor den Tagen der Tataren aus Sagen, Abenteuern und Gefahren, aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.

Und er begreift auf einmal, wer sie waren,

und daß sie oft um ihres Dunkels Sinn in seine eignen Tiefen niedertauchten

und ihn, den Leisesten von den Erlauchten, in ihren Taten groß und fromm verbrauchten schon lang vor seinem Anbeginn.


Und eine Dankbarkeit kommt über ihn, daß sie ihn so verschwenderisch vergeben an aller Dinge Durst und Drang.

Er war die Kraft zu ihrem Überschwang, der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben geheimnisvoll zu dunkeln schien.


In allen ihren Werken schaut er sich, wie eingelegtes Silber in Zieraten,

und es giebt keine Tat in ihren Taten, die nicht auch war in seinen stillen Staaten, in denen alles Handelns Rot verblich.

VI

Noch immer schauen in den Silberplatten wie tiefe Frauenaugen die Saphire,

Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere, die sich im Glanze ihrer Brünste gatten,

und sanfte Perlen warten in dem Schatten wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre stillen Gesichter finde und verliere.

Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land, und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,

wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale, so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.


In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale: das große giebt dem Mutterantlitz Raum,

und rechts und links hebt eine mandelschmale Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.

Die beiden Hände, seltsam still und braun, verkünden,

daß im köstlichen Ikone die Königliche wie im Kloster wohne,

die überfließen wird von jenem Sohne, von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne die niegehofften Himmel blaun.


Die Hände zeugen noch dafür; aber das Antlitz ist wie eine Tür in warme Dämmerungen aufgegangen,

in die das Lächeln von den Gnadenwangen mit seinem Lichte irrend, sich verlor.

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:

Fühltest Du nicht, wie sehr wir in Dich drangen mit allem Fühlen, Fürchten und Verlangen:

wir warten auf Dein liebes Angesicht, das uns vergangen ist; wohin vergangen?:

Den großen Heiligen vergeht es nicht.


Er bebte tief in seinem steifen Kleid, das strahlend stand.

Er wußte nicht, wie weit er schon von allem war, und ihrem Segnen wie selig nah in seiner Einsamkeit.

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.

Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar schon lange tief und wie im Fortgehn war,

verging, wie jenes in dem Goldovale, in seinem großen goldenen Talar. (Um ihrem Angesichte zu begegnen.)


Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.
 
Der Sänger singt vor dem Fürstenkind

Dem Andenken von Paula Becker-Modersohn


Du blasses Kind, an jedem Abend soll der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen

und soll dir Sagen, die im Blute klingen, über die Brücke seiner Stimme bringen und eine Harfe, seiner Hände voll.

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt, gehoben ist es wie aus Wandgeweben;

solche Gestalten hat es nie gegeben, - und Niegewesenes nennt er das Leben.

Und heute hat er diesen Sang erwählt:


Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen, die einsam warteten im weißen Saal,

- fast alle waren bang, dich aufzubauen, um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:

auf deine Augen mit den ernsten Brauen, auf deine Hände, hell und schmal.


Du hast von ihnen Perlen und Türkisen, von diesen Frauen, die in Bildern stehn als stünden sie allein in Abendwiesen,

- du hast von ihnen Perlen und Türkisen und Ringe mit verdunkelten Devisen und Seiden, welche welke Düfte wehn.


Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,

und in die Seide sanfter Brautgewänder sind deine kleinen Bücher eingebunden,

und drinnen hast du, mächtig über Länder, ganz groß geschrieben und mit reichen, runden Buchstaben deinen Namen vorgefunden.


Und alles ist, als wär es schon geschehn.


Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst, an alle Becher ihren Mund gesetzt,

zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt und keinem Leide leidlos zugesehn;

so daß du jetzt stehst und dich schämst. ... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,

- der Sänger kommt dir sagen, daß du bist. Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines,

mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines, den mancher graue Tag vergißt.

Dein Leben ist so unaussprechlich Deines, weil es von vielen überladen ist.


Empfindest du, wie die Vergangenheiten leicht werden, wenn du eine Weile lebst,

wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten, jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten,

- und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten für eine Geste, die du schön erhebst. -


Das ist der Sinn von allem, was einst war, daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,

daß es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben, tief und wunderbar:


So waren diese Frauen elfenbeinern, von vielen Rosen rötlich angeschienen,

so dunkelten die müden Königsmienen, so wurden fahle Fürstenmunde steinern und unbewegt von Waisen und von Weinern,

so klangen Knaben an wie Violinen und starben für der Frauen schweres Haar;

so gingen Jungfraun der Madonna dienen, denen die Welt verworren war.

So wurden Lauten laut und Mandolinen, in die ein Unbekannter größer griff,

- in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,

- Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben, Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,

- und über hundert schwarzen Eisenhauben schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.

So wurden Städte langsam groß und fielen in sich zurück wie Wellen eines Meeres,

so drängte sich zu hochbelohnten Zielen die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,

so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen,

- und so geschah Unwichtiges und Schweres, nur,

um für dieses tägliche Erleben dir tausend große Gleichnisse zu geben, an denen du gewaltig wachsen kannst.


Vergangenheiten sind dir eingepflanzt, um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.


Du blasses Kind, du machst den Sänger reich mit deinem Schicksal, das sich singen läßt:

so spiegelt sich ein großes Gartenfest mit vielen Lichtern im erstaunten Teich.

Im dunklen Dichter wiederholt sich still ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.

Und viele Dinge, die er feiern will, umstehen deine rührende Gestalt.
 
Die aus dem Hause Colonna

Ihr fremden Männer, die ihr jetzt so still in Bildern steht, ihr saßet gut zu Pferde und ungeduldig gingt ihr durch das Haus;

wie ein schöner Hund, mit derselben Gebärde ruhn eure Hände jetzt bei euch aus.


Euer Gesicht ist so voll von Schauen, denn die Welt war euch Bild und Bild;

aus Waffen, Fahnen, Früchten und Frauen quillt euch dieses große Vertrauen, daß alles ist und daß alles gilt.


Aber damals, als ihr noch zu jung wart, die großen Schlachten zu schlagen,

zu jung, um den päpstlichen Purpur zu tragen, nicht immer glücklich bei Reiten und Jagen,

Knaben noch, die sich den Frauen versagen, habt ihr aus jenen Knabentagen keine, nicht eine Erinnerung?

Wißt ihr nicht mehr, was damals war?


Damals war der Altar mit dem Bilde, auf dem Maria gebar, in dem einsamen Seitenschiff Euch ergriff eine Blumenranke;

der Gedanke, daß die Fontäne allein draußen im Garten in Mondenschein ihre Wasser warf, war wie eine Welt.


Das Fenster ging bis zu den Füßen auf wie eine Tür; und es war Park mit Wiesen und Wegen:

seltsam nah und doch so entlegen, seltsam hell und doch wie verborgen,

und die Brunnen rauschten wie Regen, und es war, als käme kein Morgen dieser langen Nacht entgegen, die mit allen Sternen stand.


Damals wuchs euch, Knaben, die Hand, die warm war. (Ihr aber wußtet es nicht.) Damals breitete euer Gesicht sich aus.