Engellieder

Ich ließ meinen Engel lange nicht los | Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht | Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr
Wenn ich einmal im Lebensland | Seine Hände blieben wie blinde Vögel | Und die vielen Madonnen...
Gebet | Blendender Weg

Engellieder
Ich ließ meinen Engel lange nicht los...

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt...
 
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht...

Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,

kann er frei seine Flügel entfalten

und die Stille der Sterne durchspalten, -

denn er muss meiner einsamen Nacht

nicht mehr die ängstlichen Hände halten -

seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.
 
Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr...

Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr,

seit ihn mein strenger Tag vertrieb,

oft senkt er sehnend sein Gesicht her

und hat die Himmel nicht mehr lieb.

Er möchte wieder aus armen Tagen

über Wälder rauschendem Ragen

meine blassen Gebete tragen

in die Heimat der Cherubim.

Dorthin trug er mein frühes Weinen

und Bedanken, und meine kleinen

Leiden wuchsen dorten zu Hainen,

welche flüstern über ihm...
 
Wenn ich einmal im Lebensland

Wenn ich einmal im Lebensland,

im Gelärme von Markt und Messe -

meiner Kindheit erblühte Blässe:

meinen ernsten Engel vergesse -

seine Güte und sein Gewand,

die betenden Hände, die segnende Hand, -

in meinen heimlichsten Träumen behalten

werde ich immer das Flügelfalten,

das wie eine weiße Zypresse

hinter ihm stand...
 
Seine Hände blieben wie blinde Vögel...

Seine Hände blieben wie blinde  Vögel, die, um Sonne betrogen,

wenn die andern über die Wogen zu den währenden Lenzen zogen,

in der leeren, entlaubten Linde wehren müssen dem Winterwinde.

Auf seinen Wangen war die Scham der Bräute, die über der Seele Schrecken

dunkle Purpurdecken breiten dem Bräutigam.

Und in den Augen lag Glanz von dem ersten Tag, -

aber weit über allem war ragend das tragende Flügelpaar...
 
Und die vielen Madonnen...

Um die vielen Madonnen sind viele ewige Engelknaben,

die Verheißung und Heimat haben in dem Garten, wo Gott beginnt.

Und sie ragen alle nach Rang, und sie tragen die goldenen Geigen,

und die Schönsten dürfen nie schweigen: ihre Seelen sind aus Gesang.

Immer wieder müssen sie klingen alle die dunklen Chorale,

die sie klangen vieltausend Male: Gott stieg nieder aus Seinem Strahle

und du warst die schönste Schale Seiner Sehnsucht, Madonna Marie.

Aber oft in der Dämmerung wird die Mutter müder und müder,-

und dann flüstern die Engelbrüder, und sie jubeln sie wieder jung.

Und sie winken mit den weißen Flügeln festlich im Hallenhofe,

und sie heben aus den heißen Herzen höher die eine Strophe:

Alle, die in Schönheit gehn, werden in Schönheit auferstehn.
 
Gebet

Ernster Engel aus Ebenholz: Du riesige Ruh.

Dein Schweigen schmolz noch nie in den Bränden von Büßerhänden.

Flammenumflehter!

Deine Beter sind stolz: wie du.

Der du versteinst, du über den Blicken beginnender König,

erkiese dir ein Geschlecht, dem du gerecht erscheinst, saumsinnender Riese.

Du, aller Matten Furchteinflößer,

Einer ist größer als du: dein Schatten.
 
Blendender Weg...

Blendender Weg, der sich vor Licht verlor,

Und auf einmal, wie im Traum: ein Tor,  breit eingebaut in unsichtbare Wände. 

Der Türen Holz ist lang im Tag verbrannt; 

doch trotzig dauert auf dem Bogenrand  das Wappen und das Fürstendiadem. 

Und wenn du eintrittst, bist du Gast. - Bei wem? 

Und schauernd schaust du in das wilde Land. 
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Aus: Frühe Gedichte