Ausgewähltes

Herbsttag | Der Alchimist | Die Liebende | Gieb deinem Herzen ein Zeichen

Das Abendmahl  | Der Panther | Ritter

Aus verschiedenen Büchern und Zeiten
Herbsttag

Herr, es ist Zeit.

Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. 
 
Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 
 
Der Alchimist

Seltsam verlächelnd schob der Laborant den Kolben fort, der halbberuhigt rauchte.

Er wusste jetzt, was er noch brauchte, damit der sehr erlauchte Gegenstand da drin entstände.

Zeiten brauchte er, Jahrtausende für sich und diese Birne in der es brodelte;

im Hirn Gestirne und im Bewusstsein mindestens das Meer.

Das Ungeheuere, das er gewollt, er ließ es los in dieser Nacht.

Es kehrte zurück zu Gott und in sein altes Maß;

er aber, lallend wie ein Trunkenbold, lag über dem Geheimfach und begehrte den Brocken Gold, den er besaß.
 
Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben bin ich so sanft erwacht. Ich dachte, ich würde schweben. 

Bis wohin reicht mein Leben, und wo beginnt die Nacht? 

Ich könnte meinen, alles wäre noch Ich ringsum; durchsichtig wie eines Kristalles Tiefe, verdunkelt, stumm. 

Ich könnte auch noch die Sterne  fassen in mir, so groß  scheint mir mein Herz;

so gerne  ließ es ihn wieder los  den ich vielleicht zu lieben, vielleicht zu halten begann. 

Fremd, wie niebeschrieben  sieht mich mein Schicksal an. 

Was bin ich unter diese  Unendlichkeit gelegt,  duftend wie eine Wiese, hin und her bewegt, 

rufend zugleich und bange, daß einer den Ruf vernimmt, und zum Untergange  in einem Andern bestimmt. 

Aus: Der Neuen Gedichte anderer Teil
 
Gieb deinem Herzen ein Zeichen

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, daß die Winde sich drehn.

Hoffnung ist ohne gleichen wenn sie die Göttlichen sehn.

Richte dich auf und verharre still in dem großen Bezug;

leise löst sich das Starre, milde schwindet der Bug.

Risse entstehn im Verhängnis das du lange bewohnt,

und in das dichte Gefängnis flößt sich ein fühlender Mond.

Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Entwürfe; Muzot, Anfang Februar 1924)
 
Das Abendmahl

Sie sind versammelt, staunende Verstörte, um ihn, der wie ein Weiser sich beschließt

und der sich fortnimmt denen er gehörte und der an ihnen fremd vorüberfließt.

Die alte Einsamkeit kommt über ihn, die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln;

nun wird er wieder durch den Wald wandeln, und die ihn lieben werden vor ihm fliehn.

Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten und (wie ein Schuß die Vögel aus den Schoten scheucht)

scheucht er ihre Hände aus den Broten mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her;

sie flattern bange durch die Tafelrunde und suchen einen Ausgang.

Aber er ist überall wie eine Dämmerstunde.
 
Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe  so müd geworden, daß er nichts mehr hält. 

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe  und hinter tausend Stäben keine Welt. 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,  der sich im allerkleinsten Kreise dreht, 

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,  in der betäubt ein großer Wille steht. 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille  sich lautlos auf -.

Dann geht ein Bild hinein,  geht durch der Glieder angespannte Stille -  und hört im Herzen auf zu sein. 

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Aus: Neue Gedichte (1907)
 
Ritter

Reitet der Ritter in schwarzem Stahl hinaus in die rauschende Welt. 
 
Und draußen ist Alles: der Tag und das Tal

und der Freund und der Feind und das Mahl im Saal

und der Mai und die Maid und der Wald und der Gral,

und Gott ist selber vieltausendmal  an alle Straßen gestellt.

Doch in dem Panzer des Ritters drinnen, hinter den finstersten Ringen, hockt der Tod und muss sinnen und sinnen: 

Wann wird die Klinge springen über die Eisenhecke, 

die fremde befreiende Klinge, die mich aus meinem Verstecke holt, drin ich so viele gebückte Tage verbringe,

dass ich mich endlich strecke  und spiele  und singe. 

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Juli 1899, Berlin-Schmargendorf